Freitag, 1. Mai 2015

ein Brief an meine Oma

Liebe Oma!

Ich bin mir sicher, dass du im Reich des Jenseits erfahren hast, dass ich in den letzten Stunden unaufhörlich an dich denke.

Mein heutiges Frühstück im Grand Hotel Praha konnte ich mich mehr als satt essen. Die Eier, das Brot, Käse und Gemüse habe ich mit großen Appetit und dem einzigartigen Blick auf den Turm des Altstädter Rathauses genossen. Die Süßigkeiten des Buffets sahen mir trocken und geschmacklos aus. Ein Stück Zwetschkenkuchen fand wie aus Zauberei auf einen Teller und den Weg zu meinem Tisch. Zum Vorsatz aus Gründen der Kalorienmenge wollte ich nur die Hälfte verzehren. Meine erste Berührung mit dem Kuchen ließ mich sofort ein Kind werden. Du standest vor mir und sagtest: „Du musst essen um groß und stark zu werden.“ Im Gaumen sangen die säuerlichen Zwetschken mit dem süßen Teig ein Liebesduett. Der Abschluss des guten Geschmacks lässt mich den Stadtspaziergang mit Zufriedenheit beginnen.

Der Strom aus Menschen schwemmt mich durch Josefov. Einst war hier das jüdische Zentrum. Dieses Volk war mal gehasst, mal toleriert aber nie geliebt. Kaiser Joseph II ließ die Ghetto-Mauern abreißen, die Kleidervorschrift aufheben und die Glaubensfreiheit gewähren. Zum Dank benannten die Juden dieses Viertel nach ihm.

Dem Palais der lieben Bertha statte ich einen Kurzbesuch ab. Ich staunte über die Größe. Es ist sehr schade, dass die Kindheit der späteren Bertha von Suttner keine angenehmen Seiten zeigte. Der Adel dieser Zeit bewahrte das Wort „standesgemäß“ wie ein Heiligtum.
  
Ein kopfloser Mann trägt auf den schultern Franz Kafka. Ob der liebe Franz seine Darstellung gemocht hätte steht auf einem anderen Blatt. Das Geburtshaus von Kafka zeigt schwere Vernachlässigungen am gesamten Gebäude. Ich bekomme den Eindruck vermittelt, dass Prag sich diesen Namen gerne zu nutze macht. 
Am Nachmittag gesellte sich zum Regen auch noch die Kälte. Hoffentlich verstehen sich die beiden nicht noch länger. Ich entschloss mich zu einem Abendessen in einem typischen Prager Bierlokal. In Tschechien wird dem Fleisch mit deftiger Zubereitung viel Raum in der Speisekarte gegeben. Ich bestellte mir einen Lachs mit gegrilltem Gemüse und wurde nicht enttäuscht

Den Tagesausklang genoss ich mit ein paar Cocktails in einer kubanischen Bar.


Ich denke an dich
deine Enkelin


P.S. Habe heute Tredelnik gekostet. Köstlich.

1 Kommentar:

  1. Rührend, der Brief an die Oma.
    Bitte bring einen Tredelnik nach Wien mit. Mmmmm...
    LG und alles Liebe an deinem besonderen Tag!
    Alina

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